Coperta — der regisseur „wenn man für kleine kinder spielt, muss man gleichzeitig geben und nehmen können.“





Andrea Buzzetti ist ein Schauspieler, dessen Gesicht vielen regelmäßigen Rotondes-Besucher:innen bekannt ist, weil er bereits mit mehreren Aufführungen der italienischen Theatergruppe La Baracca – Testoni Ragazzi zu Besuch war. Spot (2016), Casa (2016), Upside Down (2018), On-Off (2018), Famiglie (2021), Sie erinnern sich?
Für die neue Produktion der Rotondes für ein junges Publikum hat Andrea seine Regisseurkappe aufgesetzt und, auf seine ganz persönliche Art, Melina Bountzika, Joe Del-Toe und Mária Devitzaki bei jedem Schritt des Entstehungsprozesses von Coperta begleitet.
Deine Verbindung zu den Rotondes besteht schon seit vielen Jahren. Wann aber kam dir die Idee, mit uns gemeinsam ein Stück zu entwickeln?
Andrea: Meine Verbindung zu den Rotondes entstand daraus, dass die Theatergruppe, der ich angehöre, La Baracca – Testoni Ragazzi, darauf spezialisiert ist, Stücke für kleine Kinder im Alter von 0 – 6 Jahren zu schaffen. Wir produzieren jedes Jahr ungefähr zwei davon, die dann regelmäßig in den Rotondes aufgeführt werden.
2021, unmittelbar nach der COVID-Zeit, hat mich Laura, die Verantwortliche für die Programmgestaltung in der Bühnenkunst der Rotondes, angerufen und die Möglichkeit angesprochen, zusammen mit Künstlern aus Luxemburg eine Aufführung auf die Beine zu stellen, zunächst einmal haben wir aber mit unseren eigenen Produktionen weitergemacht [Tangram (2022) et Cornici (2023), ndlr]. L’idée s’est finalement concrétisée en 2024. Konkret wurde die Idee dann 2024.
Die Rotondes riefen damals Künstler aus der Region dazu auf, an einem zweitägigen Workshop unter deiner Leitung teilzunehmen, mit der Möglichkeit, für die Entwicklung einer Aufführung ausgewählt zu werden.
A.: Das stimmt. Ich habe diesen Workshop geleitet, der eigentlich eine Art Vorsprechen war, aber ich mag es nicht, mir die Leute einfach nur anzusehen und zu sagen „Du bist gut, du nicht“. So habe eine Art Masterclass angeboten, die ich überall auf der Welt gebe, mit einfachen Übungen, aus denen heraus Vorschläge entwickelt werden, die für ein junges Publikum geeignet sind. Wir gehen zum Beispiel von einem ganz banalen Gegenstand aus, den wir dann aber anders behandeln, sozusagen zweckentfremden.
Ich habe die Teilnehmer:innen in kleinere Gruppen unterteilt und beobachtet. Nicht um zu beurteilen, was sie machen, sondern eher um herauszufinden, wer von ihnen gut zusammenarbeitet. Ich habe auch Menschen gesucht, die spielen konnten und gleichzeitig dem Publikum zuhörten – was sehr wichtig ist, wenn man für kleine Kinder spielt. Man muss gleichzeitig geben und nehmen können.
Mir war es auch wichtig, Darsteller aus unterschiedlichen Sparten auszusuchen, die sich gegenseitig künstlerisch „anstecken“ konnten, damit jeder seine eigenen Vorschläge teilen und die der anderen entdecken konnte. Und so haben wir eine Sängerin [Mária Devitzaki], einen Clown [Joe Del-Toe] und eine Tänzerin [Melina Bountzika] zusammengeführt.
Nachdem das Team zusammengestellt war, gab es Phasen, in denen Sie zu viert gearbeitet haben, aber auch Phasen, in denen Mária, Joe und Melina selbstständig arbeiteten. Hast du ihnen Aufgaben gegeben, bevor du weggegangen bist?
A.: Mir gefällt diese Arbeitsweise sehr, denn schließlich werden sie auf der Bühne stehen, nicht ich. Ich bin auch Schauspieler, ich weiß, wie wichtig es ist, Vertrauen in das zu haben, was ich geschaffen habe und spiele. Einige Szenen habe ich demnach selbst entworfen, bei anderen habe ich sie gebeten, mir Vorschläge zu machen, die ich dann, falls nötig, geändert habe. Diese Vorschläge konnten sie dann vor einem Publikum, in einer Schule, testen, um unmittelbar zu erleben, was gut oder weniger gut funktioniert. Durch diese Arbeitsweise haben sie sich voll und ganz für das Projekt engagiert.
Woran erkennt man den Buzzetti-Touch im Endergebnis?
A.: Ich habe eine sehr einfache Handschrift, die sich in drei Punkten zusammenfassen lässt. Der erste Punkt ist less is more, um der Fantasie der Kinder den nötigen Spielraum zu lassen. Der zweite Punkt ist die Fülle in der Leere – wenn man von Gegenständen oder Geräuschen spricht. Wenn man sich zum Beispiel auf die Bewegung der Hände konzentriert, in Stille, und nur mit dem Blick und der Präsenz arbeitet, kann man das Publikum wirklich mitreißen. Und dann mag ich das Prinzip der Zirkularität: Man geht von einer Situation aus und kommt in der letzten Szene darauf zurück, um etwas wiederzufinden, das man verloren hatte. So ausgedrückt scheint das vielleicht kompliziert, wenn man aber die Aufführung sieht, versteht man sofort.
Diesen Stil und deine Tipps für Mária, Joe und Melina hast du natürlich aus deiner langjährigen Erfahrung mit jungem Publikum gewonnen.
A.: Ich arbeite seit fast 25 Jahren für Kinder. Sie sind ein wunderbares Publikum, sehr ehrlich. Wenn ihnen deine Vorstellung gefällt, dann bleiben sie. Wenn nicht, dann gehen sie weg, Kinder warten nicht auf dich. Das erste Mal, als ich vor einer Gruppe von Kindern in einem Kindergarten in Bologna stand, kam ich, ein stattlicher Kerl, dort an und rief laut und deutlich: Hallo! Und alle fingen an zu weinen! Ich habe gelernt, mich anzupassen und mir gleichzeitig treu zu bleiben, in jeder Phase meines Lebens, um den Kindern gegenüber immer authentisch zu bleiben. Das ist ein langer Weg.
Kinder kommen nicht allein zu einer Aufführung. Denkst du an die Erwachsenen, die sie begleiten, wenn du eine Aufführung ausarbeitest?
A.: Ansatz und Sprache, die für die Entwicklung einer Vorstellung gewählt werden, sind auf Kinder ausgerichtet, die Vorstellung muss aber für alle sein, es muss auch etwas für die Erwachsenen dabei sein. Es ist wichtig, dass die Erwachsenen nicht einfach mitkommen, um die Kinder in der ersten Reihe abzusetzen und selbst im Hintergrund bleiben, um etwas anderes zu tun. Man sollte sich die Vorstellung zusammen ansehen. Kultur ist eine Erfahrung, die man teilt.
Was soll das Publikum fühlen, nachdem es sich Coperta angesehen hat?
A.: Ich möchte, dass das Publikum sich beim Verlassen der Black Box Fragen über das Leben, über Beziehungen, Zuhören und Teilen stellt. Wir geben keine Antworten auf diese Fragen, wir wecken nur Emotionen.

