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Der Illustrator Dirk Kesseler

Sportlich, androgyn: die meisten Kinder können zum Sandmeedchen aufschauen“

Inspiriert von den vielen außergewöhnlichen Kinderbüchern, die während der beiden Ausgaben von AB / Augmented Books zu sehen waren, haben sich die Rotondes eine besondere Aufgabe gestellt: In Zusammenarbeit mit einem rein luxemburgischen Team veröffentlichen wir mit D’Sandmeedchen unser allererstes Kinderbuch! Und das auch noch in Augmented Reality! Wir möchten Ihnen drei Menschen vorstellen, die dieses Abenteuer möglich gemacht haben.

Die Rotondes sind mit der Bitte an dich herangetreten, ein Kinderbuch zu illustrieren. Was hat dich bei diesem Projekt angesprochen? Was war anders bei der Herangehensweise an ein Buch, im Vergleich zu deinen vorherigen Arbeiten?

Ich hatte bereits seit einer Weile Lust, an einem Buch zu arbeiten, weil ich mich hierbei noch ein bisschen austesten kann. Normalerweise mache ich Prints, also einzelne Bilder. Bei einer längeren Geschichte müssen die Charaktere durchgängig den gleichen Look haben, die gleichen Kleider tragen, die Proportionen müssen stimmen, da sie immer wieder auftauchen. Besonders für Kinder ist dies wichtig, damit sie die Charaktere von einer Seite zur nächsten wiedererkennen. Das war eine andere Arbeitsweise.

An ein Kinderbuch hätte ich mich nicht unbedingt herangetraut, das habe ich dann noch als zusätzliche Challenge angesehen. Weil das Buch nicht diese typische Kinderbuchästhetik haben sollte, hat es aber gut zu mir gepasst. Allgemein sind meine Zeichnungen eher grafisch, ich wollte deshalb auch hier vermeiden, dass die Charaktere wie in anderen Kinderbüchern kleine Kinder oder Tiere sind. Es sollte nicht kitschig wirken, nicht wie oft üblich mit Aquarell gemalt sein.

Der Text von Yorick Schmit war größtenteils bereits fertig, als du mit dem Illustrieren begonnen hast, aber du warst von Anfang an in den Entstehungsprozess der Geschichte eingebunden. Wie haben sich Text und Bilder gegenseitig beeinflusst?

Von Yoricks Vorschlägen neu interpretierter Märchen hat mich von Anfang an das Sandmeedchen am Meisten angesprochen. Bei dieser Geschichte ist in meinem Kopf direkt eine Bilderwelt entstanden. Es war eine gute Zusammenarbeit mit Yorick: Ich habe ihm Feedback zur Geschichte geliefert, und er hat mir seinerseits Denkanstöße mit auf den Weg gegeben und Vorschläge gemacht, was auf den einzelnen Seiten zu sehen sein könnte und somit meine Bilder ebenfalls beeinflusst.

Du konntest dich von Anfang an mit der Geschichte identifizieren. Gab es dennoch unerwartete Elemente, die den Arbeitsprozess erschwert haben?

Tatsächlich war das Schwierigste, während des Lockdowns hier in Berlin an meinem ersten Buch zu arbeiten. Wenn man nur zu Hause am Schreibtisch sitzt, ohne sich ablenken zu können, die Sonne früh untergeht und draußen Minusgrade herrschen, dann ist es nicht einfach, geistig bei der Sache zu bleiben. Ich konnte mir auch keine Inspiration von draußen holen, zum Beispiel durch den Besuch einer Ausstellung.

Wie hast du den Stil der Illustrationen und die Farbpalette definiert?

Stilistisch habe ich mich noch nicht ganz festgelegt, das ändert sich noch relativ häufig, wahrscheinlich, bis ich Vollzeit in diesem Beruf arbeite. Auf jeden Fall mussten meine Illustrationen etwas kindgerechter ausfallen als sonst. Die Farbpalette ist die, die ich seit über einem Jahr benutze, mit viel Rot und Blau in verschiedenen Abstufungen. Allerdings habe ich versucht, diese konzeptuell einzusetzen: Blau für die Nacht, Rot eher für Tagesszenen. Von Seite zu Seite sollte auch ein schöner Kontrast entstehen, denn es gibt wenige Seiten im Buch, auf denen wirklich viele Farben aufeinandertreffen.

Wie trägt das grafische Universum zum Erleben der Geschichte bei?

Für Kinder ist die Bildebene wichtig, um sich eine Geschichte vorstellen zu können. Ich denke, ein Kinderbuch ist ein guter Mittelweg im Vergleich zu einem Animationsfilm, wo einem alles gezeigt wird und nicht mehr viel Platz für die Vorstellungskraft der Kinder bleibt. Im Buch gibt es von Seite zu Seite kleine Timeskips, nicht jeder einzelne Satz ist illustriert, so dass die Kinder sich noch selber ausdenken können, was dazwischen passiert ist. Es lässt noch Raum für ihre eigene Fantasie.

Wie kann man sich das Entstehen der Animationen vorstellen? Gab es auch für dich Überraschungen bei der Art und Weise, wie den Zeichnungen Leben eingehaucht wurde? 

Bereits beim Zeichnen hatte ich im Hinterkopf, wie man die Bilder animieren könnte. Dies musste von Anfang an bedacht werden, denn die einzelnen Zeichnungen mussten so angepasst werden, dass verschiedene Ebenen entstehen. Beispielsweise eine Ebene mit Wolken, eine mit dem Sandmeedchen, und noch ein Hintergrund. Die Virtual Rangers kümmern sich um den technischen Aspekt, sie bauen meine Illustrationen so in die App ein, dass alles funktioniert. Von ihnen stammte auch die Idee, daraus so etwas wie ein Pop-up-Buch zu machen: Dank der verschiedenen Tiefen in den Zeichnungen wirken die animierten Bilder dreidimensional, anstatt flach auf dem Buch zu liegen. Wenn man dann ein Telefon oder Tablet über die Seite bewegt, entsteht ein 3D-Effekt. Und auch wenn ich weiß, wie die animierten Illustrationen aussehen werden, bin ich gespannt auf den ersten Prototypen, um sehen zu können, welche Ebenen mehr oder weniger stark aus dem Buch hervortreten oder in welcher Distanz zueinander sich die einzelnen Elemente befinden.

Dich hat bei diesem Projekt auch die Dimension der Augmented Reality angesprochen. Was ist in deinen Augen der Mehrwert eines Kinderbuches mit dieser zusätzlichen Komponente?

Die erweiterte Realität macht das Buch lebendig. Auch für Kinder ist es speziell, sie sind immer leicht zu fesseln, wenn etwas anders ist, etwas sich bewegt. Wenn diese zusätzliche Ebene hinzukommt, ähnlich wie bei einem analogen Pop-up-Buch, dann werden sie noch stärker in die Welt dieser Geschichte entführt. Von Anfang an wurde das Buch als gemeinsames Erlebnis für Kinder und Erwachsene konzipiert. Schon alleine wegen des technischen Aspekts, mit dem Herunterladen der App und dergleichen. Auch die Erwachsenen sind mit Kinderbüchern aufgewachsen, aber ihr Erlebnis war damals wahrscheinlich ganz anders. Dieses Buch ist wohl auch für die Eltern etwas Neues.

Ich denke auch, dass vor allem junge Eltern sich nicht mehr unbedingt vom klassischen, traditionellen Kinderbuch angesprochen fühlen, in dem es um die Prinzessin im rosa Kleid geht. Diese Geschichte ist unkonventionell, auch junge Eltern können damit etwas anfangen und hier eine moderne Facette des Märchens entdecken. Mir war es auch wichtig, dass das Sandmeedchen nicht klein und niedlich aussieht, sondern sportlich gekleidet ist, etwas androgyn wirkt. Das Sandmeedchen ist im Teenageralter, also etwas älter als die meisten Kinder, die das Buch entdecken werden, so dass sie auch zu ihr aufschauen können.