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Die Regisseurin Nathalie Moyen

Die Jugendlichen zu Wort kommen lassen und ernst nehmen“
© Ruben Dos Santos

Schon bald werden die Rotondes die Premiere ihrer neuesten Produktion Wellbeing – Mental Noise feiern. Dieses Theaterstück wurde ins Leben gerufen unter Anreiz des Ministeriums für nationale Bildung, Kinder und Jugend (MENJE) und seiner Arbeit zur Aktualisierung der Daten zur Situation der Jugendlichen in Luxemburg im Jahr 2021. Es ist das Ergebnis eines langen Recherche- und Kreationsprozesses. Wir haben mit drei Personen gesprochen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten an der Arbeit am Stück beteiligt waren. Eine davon ist die Regisseurin Nathalie Moyen.

Nathalie, du arbeitest jetzt schon seit 15 Jahren mit Jugendlichen. Warst du trotz allem überrascht über das, was im Rahmen der Workshops zurückgekommen ist und was du dort gehört hast? 

Ich bin jedes Mal wieder beeindruckt. Jede:r Jugendliche:r ist einzigartig. Das ist zwar bei allen Menschen so, doch Erwachsene funktionieren meist nach gewissen festgelegten Mustern, während es bei Teenagern ganz anders ist. Tatsächlich dachte ich zu Beginn des Projektes, dass ich ein bestimmtes Thema erforschen würde. Ich habe aber schnell gemerkt, dass das, was mir vorschwebte, nicht mit den Bedürfnissen der jungen Leute zu diesem Moment übereinstimmte. Was ich häufig von ihnen zu hören bekam, war die Angst: die Angst vor der Zukunft, die Angst, nicht allem gerecht werden zu können, die Angst davor, wichtige Menschen zu enttäuschen und die Angst davor, Dinge falsch zu machen.

Haben dir die ausgefüllten Notizbücher außerhalb der vorbereitenden Workshops dabei geholfen, die Jugendlichen zu verstehen und deine Arbeit so in die richtige Richtung zu lenken? 

Ich denke nicht, dass man einen Menschen wirklich verstehen kann, ohne jemals das gleiche erlebt zu haben. Aber diese Notizbücher haben so viele Emotionen in mir ausgelöst! Für junge Leute ist alles eine Entdeckung. Sie befinden sich in einer Übergangsphase zwischen der Lust, weiterhin Kind zu bleiben und der Lust, erwachsen zu werden. Trotz ihrer relativ kurzen Zeit auf der Welt haben sie schon so viel erlebt, ohne unbedingt in Worte fassen zu können, was ihnen widerfährt und ohne die Fähigkeit zu haben, Dinge als richtig oder falsch zu beurteilen. Sie sind keine behüteten Kinder mehr, sondern konfrontiert mit der Realität. Dadurch fühlen sie sich oft verloren. 

Das Wesentliche an diesem Projekt ist zu zeigen, inwiefern es wichtig ist, dass sich Jugendliche äußern können. Wir müssen sie zu Wort kommen lassen und das, was sie zu sagen haben, ernst nehmen. Sie müssen sich trauen, auch schwierige Emotionen zu durchleben. Ich habe schon viele Jugendliche getroffen, die mir sagen: Mir geht so viel durch den Kopf, dass ich mich nicht mehr auf die Schule konzentrieren kann.“ Ich bin also mit dem belgischen Erziehungspsychologen Bruno Humbeeck einverstanden, wenn er sagt, dass wir Orte an Schulen schaffen müssen, an denen man sich jemandem anvertrauen kann, an denen man frei heraus alles sagen kann, ohne dafür von jemandem verurteilt zu werden.

Wir können uns vorstellen, dass die Jugendlichen in den Workshops und in ihren Notizbüchern über viele verschiedene Dinge geredet bzw. geschrieben haben, da sie alle ganz unterschiedliche Sorgen haben. Musstest du eine Auswahl treffen oder bestimmte Themen zusammenfassen?

Ich habe versucht, etwa 80% der Notizbücher inhaltlich in das Stück einzubeziehen. Wir sprechen hier schließlich von um die hundert Notizbücher mit jeweils zehn bis zwanzig Seiten, von denen ich jede aufmerksam gelesen habe. Ich hätte eine Trilogie daraus machen können! Um aber auf die verschiedenen Sorgen und Anliegen einzugehen, haben wir drei Figuren. Da gibt es Benoit, der von einer bevorstehenden Veränderung in seinem Leben geplagt wird. Es geht dabei um einen Umzug in ein ihm unbekanntes Land, ohne zu wissen, wie man neue Freunde und Freundinnen kennenlernt. Die zweite Figur ist Jil. Jil lebt eine sehr schmerzhafte Wirklichkeit und versucht, sich in ihre Gedanken zurückzuziehen. Die dritte Figur, verkörpert durch Thomas, ist düsterer: irgendwann wird er die ganze Welt regelrecht hassen.

Bis heute ist Wellbeing eines der schwierigsten Projekte, die ich je realisiert habe. Es ist eine richtige Herausforderung, da ich mich nicht nur auf meine Vorstellungskraft stütze, sondern das wirkliche Leben Jugendlicher in nur einer Stunde herüberbringen muss. Man durchlebt so viele Gefühle im Leben und es gibt so viele verschiedene Arten, sie zu interpretieren. Das ist zwar kompliziert aber äußerst faszinierend!

Versuchst du, mit diesem Stück eine Botschaft zu vermitteln?

Mein Ziel mit Wellbeing ist, die aktuelle Verfassung der Jugend zu dokumentieren und ihnen dadurch zu zeigen, dass sie sich nicht mit ihren Emotionen alleingelassen fühlen sollen und dass man sagen soll, was man denkt und fühlt. Ich hoffe auch, mit dem Stück Gefühle bei denjenigen hervorzurufen, die mit der Zeit gelernt haben, sich zu verschließen, nur um zu funktionieren.

Mir ist außerdem wichtig, dass sich Erwachsene das Stück ansehen und sich in die Haut der Teenager versetzen. Sich daran erinnern, dass sie selbst durch diese Phase im Leben gehen mussten und dass sie aufmerksam zuhören sollten, wenn ein Teenager sich ihnen anvertraut. Aber ich bin nicht hier, um einen Vortrag zu halten. Die Aufführung soll einfach zeigen, was menschlich ist: die Gefühle, das Erlebte, die Fragen, die man sich tagtäglich stellt…